Schilderungen von damals betroffenen Kindern aus Wulfen

Hermann Grewer (damals als 12jähriger Junge im Keller der Familie Stolbrink) erlebte den Bombenangriff auf Wulfen so:

Es war Donnerstag der 22. März 1945 ein herrlicher Frühlingstag, der für uns und viele Wulfener Familien schrecklich endete. Meine Eltern (Bernhardine und Herrmann Grewer) und wir 5 Kinder (Alfred, Hermann, Werner, Willi und Hildegard) wohnten direkt an der Matthäuskirche im Hause der Familie Stolbrink.

Von unserem Vater, der als Soldat in Südfrankreich war, hatten wir schon seit einigen Monaten keine Nachricht mehr erhalten. So musste unsere Mutter uns 5 Kinder alleine versorgen und sich um alles kümmern. Unterstützung erhielten wir durch Familie Stolbrink. Insbesondere deren 19jährige Tochter Hilde kümmerte sich immer wieder um uns und unsere Familie.

Wulfens1945

Unser Bruder Alfred ging frühmorgens zu den Nonnen ins Wulfener Schwesternhaus. Ich schob meine zweieinhalbjährige Schwester Hildegard in einem Handkarren durch das Dorf. Unsere Mutter hatte uns gebeten, bei Sirenenalarm sofort nach Hause zu kommen. Bei einsetzendem Voralarm bin ich dann sofort nach Hause gelaufen und wir (Mutter, Werner, Willi, Hildegard und ich) sowie weitere Dorfbewohner und Angestellte des Lebensmittelgeschäftes Stolbrink und der Post suchten Deckung im Keller der Familie Stolbrink. Dieser Keller war ein Gewölbekeller und galt bei den Dorfbewohnern als besonders sicher. Bereits häufiger hatten wir dort in der Vergangenheit Unterschlupf gesucht.

Bei Bombenangriffen durch einen amerikanischen Bomberverband wurden an diesem Morgen über Wulfen mehr als 100 Sprengbomben von 5 bis 10 Zentnern Gewicht abgeworfen. Die Matthäuskirche und 15 Wohnhäuser wurden total zerstört. Auch das Wohnhaus der Familie Stolbrink wurde komplett zerstört. Von 22 Dorfbewohnern die im Keller der Familie Stolbrink Zuflucht suchten, starben 11 an den Folgen dieser Angriffe. Im gesamten Dorf Wulfen starben an diesem Morgen 22 Menschen.

Unter den Opfern im Hause Stolbrink waren meine Mutter (43 Jahre), und meine Brüder Werner (9 Jahre) und Willi (7 Jahre). Auch die 19jährige Hilde Stolbrink, die sich in den vergangenen Wochen und Monate sehr liebevoll um uns bemüht hatte, fand den Tod.
Meine Schwester Hildegard überlebte den Bombenangriff, auf dem Schoße unserer Mutter sitzend, mit Verletzungen. Durch Schutt und Geröll wurde der Oberschenkel meines rechten Beines derart gequetscht, dass eine Amputation drohte. Als verletzter Junge kam ich in den Folgewochen zu meinem Onkel Heinrich Grewer zum Surick. Hier wurde mein Bein durch Schwester Lohmeyer vom Roten Kreuz und meinen Tanten täglich gut versorgt. Ich bekam Wechselbäder, sie salbten und massierten mein Bein. Diese intensive Pflege rettete mir mein Bein. In der Zeit von 1945 bis 1948 waren wir drei überlebende Kinder bei Verwandten untergebracht.

Mein Bruder Alfred ging ins Elternhaus unserer Mutter zu Familie Franz Brüggemann, meine Schwester Hildegard ging zu unserer Tante Johanna und Cousine Hilde Stöppler, ich kam ins Elternhaus unseres Vaters, zu Familie Heinrich Grewer. Sie alle haben sich um uns drei bemüht, als wären wir jeweils die eigenen Kinder. Unser Vater Hermann kehrte 1947 aus französischer Gefangenschaft zurück, heiratete 1948 erneut und wir kamen nach dieser Heirat wieder alle zusammen.
Von den damals 11 Überlebenden aus dem Keller der Familie Stolbrink leben heute noch Frau Henriette Schwark in Wulfen, meine Schwester Hildegard in Düsseldorf und ich.

Bombardierung Wulfen 1945

Frau Maria Harding (†) (geb. 1935) schildert als Überlebende den 22. März 1945 später (Schulische Facharbeit im Jahre 1952) mit den Worten:
Die letzten Tage des März und die ersten Tage des April 1945 werden den Wulfenern zeitlebens unvergesslich bleiben. Der 22. März ist zweifelsohne der schicksalsschwerste in der Geschichte des Ortes Wulfen. Sechs Tage vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen griff ein amerikanischer Bomberverband bei herrlichem Frühlingswetter und klarem Himmel morgens um 10:10 Uhr den Ort an.

10 Uhr heulte die Sirene.

Alle eilten in die Keller und in die Luftschutzbunker. Da unser Keller nicht sicher genug schien, mussten wir bei unserem Nachbarn, dem Kaufmann Stolbrink, in den Keller. Mutter und ich liefen sofort dorthin. Vater blieb noch zu Hause. Noch ahnten wir nicht was kommen sollte. Wie oft waren wir nicht schon in den Keller geeilt; oft schon hatten wir furchtbare Angst ausgestanden; aber immer noch hatten wir heil und gesund den Keller wieder verlassen können.

Es sollte anders kommen. Wir waren kaum im Keller, als das Radio meldete, schwere Bomberverbände fliegen den Raum von Dorsten an. Das war bestimmt kein gutes Zeichen! Wir wussten, dass es gefährlich für uns wurde, und eine Frau aus unserer Mitte fing an, den Rosenkranz zu beten.
Dies war alles nur eine Sache von wenigen Minuten. Plötzlich erhob sich der Notausgang, und ein Feuerschweif zog durch den Keller. Was weiter geschah, weiß ich nicht mehr.
Als ich wieder zu mir kam, merkte ich, was geschehen war. Eine Bombe hatte das Haus getroffen; der Keller war eingestürzt; wir waren verschüttet. Glücklicherweise war ein Balken über meinem Kopf liegen geblieben, und so hatte ich Kopf und Arme noch frei. Ich sah nichts mehr und fühlte nur Balken, Steine und Mörtel.

Welche eine Erleichterung für mich, als sich Mutter neben mir plötzlich bemerkbar machte und mir versicherte, dass auch ihr, wie sie glaubte, nichts geschehen sei! Von den anderen war weder zu sehen noch zu hören. Es war eine unheimliche Stille. Ich glaubte, dass alle 19 tot seien. Neben mir hatte meine Tante – sie trug meine kleine Cousine auf dem Schoß – gesessen. Doch da war nur noch ein Schutthaufen. Oft beugte ich mich über die Steine und rief den Namen meiner Tante – keine Antwort.

Schreckliche Minuten

Es waren schreckliche Minuten. Wir wussten nicht ob und wann Hilfe kam. Dann die fürchterliche Angst: gleich kommt eine zweite Bombe, und du bist auch tot. Dazu noch die Gedanken; wo mochte Vater wohl sein? Er war nicht mit uns in den Keller gegangen. War er zu Hause geblieben? War unser Haus auch von den Bomben getroffen worden, und lag Vater unter den Trümmern begraben? Diese Stimmung kann man bestimmt nicht schildern. Plötzlich hörte ich meinen Namen rufen. Oh, es war Vater; er lebte noch! Sofort gaben Mutter und ich ihm Antwort. Er begann zugleich dort ein Loch zu machen, wo er glaubte, dass unsere Stimmen hergekommen waren. Während Vater nun damit beschäftigt war, in den Keller zu gelangen, kam der zweite Angriff.
Der „Bombenteppich“ traf zum Glück nicht mehr das Dorf, sondern er fiel in die Umgebung des Bahnhofes, kurz darauf ein dritter, der den neuen Friedhof zerwühlte, und der vierte fiel auf die „Koppel“ ins freie Feld.

Vater hatte uns während der ganzen Zeit nicht verlassen, und nach langer, langer Zeit gelang es ihm, uns von den Schuttmassen zu befreien. Was für eine Freude, als wir alle drei wieder zusammen waren!

Aber wie sah nur unser Dorf aus? Alles war ein wüstes Durcheinander von Balken, Steinen, Erde und Glas. Vor einer Stunde hatten hier noch Häuser gestanden, und wie viele Menschen lagen nicht noch unter den Trümmern! Die Kirche war bis auf den Grund in Trümmer gesunken. Unser Haus hatte als einziges von den Häusern um die Kirche keinen Volltreffer bekommen. Natürlich war es auch sehr stark beschädigt.
Als die Bomberverbände fort waren, und es etwas ruhiger wurde, kamen sofort Soldaten, Bergleute mit ihren Grubenlampen und Krankenschwestern.

Den ganzen Tag und die folgende Nacht waren sie damit beschäftigt, die Verschütteten zu retten. Leider konnten viele nur als Leichen geborgen werden. Wir waren 21 Personen im Keller gewesen; davon konnten nur 10 lebend gerettet werden. Unter den 11 Toten befand sich auch meine kleine Cousine, mit der ich noch wenige Minuten vor dem Angriff gespielt hatte. Im Ganzen forderte dieser Angriff 23 Menschenleben. Außer der Kirche wurden bei diesem Angriff 15 Häuser total vernichtet, 7 weitere, darunter befand sich auch unser Haus, mussten sofort geräumt werden, und noch 12 andere erhielten schwerste Beschädigungen. Schätzungsweise fielen in unmittelbarer Nähe der Kirche 12 Bomben.

Drei Volltreffer verursachten im Kirchenschiff einen Riesenkrater. Straßen waren im Dorf gar nicht mehr zu erkennen. Ein Bombentrichter reihte sich an den anderen.
100 – 125 Sprengbomben waren auf das Dorf geworfen worden. Alles war ein Trümmerfeld. Im Dorf blieb keiner mehr; alle suchten bei den Bauern außerhalb des Dorfes Unterkunft. Mein Onkel nahm uns auf.
In den nächsten Tagen war es in Wulfen zwar etwas ruhiger; aber die Tiefflieger jagten den ganzen Tag durch die Luft, dass wir den Keller nicht verlassen konnten.

Am 25. März, am Abend des Palmsonntags, erfolgte die Beisetzung der Toten durch Kaplan Brüning in einem Bombentrichter auf dem zerwühlten Totenacker.
Anschließend wurde am Massengrab eine hl. Messe gefeiert. Hierbei mussten wegen Fliegergefahr die Kerzen nicht weniger als 6-mal in 25 Minuten ausgelöscht werden. Dazwischen das Weinen und Schreien der Angehörigen. Das Bild werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Ich glaube, es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich sage, dass die ganze Bevölkerung in jenen Tagen in einer Weltuntergangs-stimmung lebte. Am Morgen des Palmsonntags haben wir in einer Bauernküche die heilige Messe gefeiert. Der Küchentisch diente als Altar. Küche, Flur und Wohnzimmer waren mit Gläubigen gefüllt.

Quelle: Heimatverein Wulfen
Bilder: Heimatverein Wulfen

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