„Wenn jemand fehlt, spiele ich selbst mit“

Foto: Christian Sklenak

Je mehr Elisabeth Lechtenbörger aus ihrem Leben erzählt, umso mehr staune ich. Von ihrem Wunsch, Autoschlosserin zu werden, übers Versteckspiel beim Fußball, von ihrer Lizenz als erste Schiedsrichterin beim Handball hin zur Urkunde über 300 Kilometer Jakobsweg, die Dorstenerin hat eine Menge erlebt.

Lisa Lechtenbörger und ihre „Schäfchen“

Aus dem Wunsch, einen „Männerberuf“ zu erlernen, wurde nichts, aber auch die Zeit als Sachbearbeiterin im Gladbecker Finanzamt gefiel Elisabeth Lechtenbörger, sonst wäre sie dort keine 32 Jahre und weitere elf Jahre im Amt Marl geblieben. „In Gladbeck waren wir gerade mal 120 Mitarbeiter und somit eine große Familie“, erinnert sie sich. Obwohl oder vielleicht gerade, weil sie keine eigene Familie hat, verfügt die 68-Jährige über zahlreiche Kontakte. Viele davon sind entstanden durch ihr ehrenamtliches Engagement.

Als sie die rechtliche Betreuung für ihre Großtante sowie für ihren demenzkranken Vater übernahm, musste die gebürtige Gelsenkirchenerin Kurse zum Thema Betreuungsrecht belegen. „Recht war immer meins, Mathe eher weniger, deswegen bin ich ja auch beim Finanzamt gelandet“, lacht die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin und spätere Verwaltungsinspektorin. „Das Thema fand ich sehr spannend und ich lernte dort vieles, was ich auch wirklich in der Betreuung anwenden konnte.“

Momentan betreut sie drei Frauen und hat Vorsorgevollmachten für fünf weitere Frauen, für ihre Schäfchen, wie Elisabeth Lechtenbörger sie nennt. „Ich habe aber nie gezielt danach gesucht, es hat sich einfach durch die vielen Kontakte ergeben.“

Ein einschneidendes Erlebnis

Als die engagierte Dorstenerin 2006 nach einem erlittenen Herzinfarkt aus der Kur nach Hause kam, stand für sie fest: „Ich muss mein Leben jetzt ändern, denn es ist nicht unendlich.“ So hält sie seit 2009 Gottesdienste am Heiligen Abend und zu Silvester im Seniorenzentrum St. Elisabeth und auch dann, wenn kein Pfarrer Zeit hat. Zudem leitet sie Kurse für Angehörige von Demenzerkrankten. Damit aber nicht genug. Elisabeth Lechtenbörger machte ihren Übungsleiterschein und gibt im Altenzentrum Maria Lindenhof den Sportkurs „Fit für 100“, woraus sich eine weitere Betreuung ergab.

Aber auch ihre körperliche Fitness kommt nicht zu kurz. Seit dem 28. September 2018 ist sie stolze Besitzerin der Pilgerurkunde „La Compostela“, erhalten für ihre Teilnahme beim „Pilgern für alte Menschen“. Ihre Herzensaufgabe hat die aktive Seniorin jedoch durch einen Kontakt auf dem Stand des Seniorenbeirates der Stadt Dorsten, dem sie angehört, vor vier Jahren gefunden. „Wir suchten neue Mitstreiter in der Seniorenbegleitung und ich traf auf Hugo Berkel. Er erklärte sich bereit mitzuarbeiten, suchte aber gleichzeitig auch einen Trainer für die Fußballmannschaft der Lebenshilfe, in der auch sein Sohn Stefan spielt“, erinnert sich die Ehrenamtlerin.

Lisa und ihre Jungs

Da sich niemand fand, der das Traineramt übernehmen wollte, wurde sie selbst aktiv. Hugo Berkel stellte sie den Fußballern vor undElisabeth Lechtenbörger entschied für sich: „Wenn die Sportler mich akzeptieren, dann bleibe ich dabei.“ Sie fährt fort: „Leider ist Hugo im letzten Jahr verstorben, aber ich habe viel von ihm gelernt.“

Spieler und Spielerinnen der Fußballmannschaſt, die Elisabeth Lechtenbörger trainiert
Foto: Privat

Nachdem geklärt war, welches Handicap Lisa, wie sie von den Kickern genannt wird, hat (COPD und Herzinfarkt) durfte sie seitens der Spieler bleiben und übernahm 2017 das Fußballtraining. „Lisa“ spielte früher mit dem Spielerpass ihres Cousins beim S-W Bülse, da Mädchen damals nicht offiziell spielen durften, und brachte so das nötige Know-how mit. Und auch durch ihre Tätigkeit als erste Schiedsrichterin im Handball und ehemals aktive Spielerin kannte sie die Welt des Ballsportes. „Das Training zu übernehmen war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich hänge an ‚meinen Jungs‘ und würde für sie durchs Feuer gehen“, betont Elisabeth Lechtenbörger und das Leuchten in ihren Augen bekräftigt diese Aussage obendrein.

Die großzügige Spende

„Von der großzügigen Spende der Firma INEOS aus Gladbeck statten wir unser Team mit neuen Trikots und Schienbeinschonern aus“, verspricht die Trainerin und fährt schmunzelnd fort. „Und wer weiß, vielleicht werden wir mit dieser Ausstattung ja noch ein weiteres Mal vierter beim Turnier der Lebenshilfe in Waltrop.“ Zu wünschen ist es der sympathischen Trainerin sowie der ehrgeizigen Mannschaft auf alle Fälle.