Wenn Kinder sterben, bevor sie geboren werden, bleibt oft Sprachlosigkeit zurück. Für betroffene Eltern ebenso wie für Angehörige und Freundinnen und Freunde. Der Dorstener Lukas Spiekermann hat ein Buch geschrieben, das genau dort ansetzt. Es ist leise, vorsichtig und verzichtet auf Erklärungen. Der Titel lautet „Ein Stern findet sein Zuhause“.
Spiekermann wollte kein Buch über seine persönliche Trauer schreiben. Er wollte auch kein Buch, das Antworten gibt oder Trost verspricht. Ihm ging es darum, eine Sprache anzubieten für Situationen, in denen Worte fehlen. Das sagt er ruhig und ohne Pathos. Sein Buch versteht er als Angebot, nicht als Deutungshilfe für einen Verlust, der sich nicht erklären lässt.
Vaterwerden und ein abrupter Abschied
Der Anlass für das Buch ist dennoch biografisch. Während der Schwangerschaft seiner damaligen Ehefrau begann für ihn allmählich das Gefühl, Vater zu werden. Es gab keinen einzelnen Moment, sondern eine schrittweise Veränderung. Gespräche drehten sich um Planungen, Verantwortung wurde konkreter. Dann kam ein Kontrolltermin beim Frauenarzt. Es waren keine Herztöne mehr zu hören. Die Schwangerschaft endete und ließ vieles offen.
Zurückhaltung statt Chronologie
Über diesen Verlust spricht Lukas Spiekermann bewusst zurückhaltend. Er verzichtet auf Details und auf eine zeitliche Nacherzählung. Nicht, weil der Verlust klein gewesen wäre, sondern weil er ihn nicht in den Mittelpunkt stellen möchte. Manche Erfahrungen, sagt er, seien privat. Andere könnten geteilt werden, wenn sie anderen helfen oder Orientierung geben.
Trauer und die Rolle des Vaters
Gerade als Vater habe er sich lange gefragt, welche Rolle ihm in dieser Situation zugestanden habe. „Trauer ist gesellschaftlich oft klar verortet, aber selten beim Mann“, so Spiekermann. Die Frage, ob er trauern dürfe oder funktionieren müsse, habe ihn beschäftigt. Diese Unsicherheit habe länger gewirkt als der eigentliche Moment des Abschieds.
Schreiben als Struktur
Das Schreiben begann zunächst ohne Veröffentlichungsgedanken. Es waren Notizen und Gedanken, die helfen sollten, Ordnung zu schaffen. Erst später entstand daraus die Idee eines Bilderbuches. Die Form war bewusst gewählt. Spiekermann wollte etwas Niedrigschwelliges schaffen, das man zur Hand nehmen kann, ohne sich überwältigt zu fühlen. Das Buch lässt Raum für eigene Gedanken und auch für Stille.
Für Betroffene und für Begleitende
Ein Stern findet sein Zuhause richtet sich an Eltern, die ein Kind verloren haben. Es richtet sich ebenso an Menschen, die begleiten möchten und oft nicht wissen, wie. Großeltern, Freundinnen, Fachkräfte. Spiekermann betont, dass das Buch kein Muss sei. Es sei ein Angebot, kein Anspruch.
Der Schritt in die Öffentlichkeit
Die Entscheidung zur Veröffentlichung traf Lukas Spiekermann, der in Marl als Erzieher arbeitet, nicht leichtfertig. Rund zweieinhalb Jahre vergingen von der ersten Idee bis zum Erscheinen. Texte wurden überarbeitet, Fragen nach Ton und Öffentlichkeit geklärt. Seine Arbeitskollegin Tanja Talowski entwickelte die kindgerechten Illustrationen. Wichtig war für Spiekermann, niemanden zu drängen oder zu überfordern.

Reaktionen und Erwartungen
Die Reaktionen aus der Öffentlichkeit waren vielfältig. Viele Rückmeldungen seien dankbar gewesen, andere sehr vorsichtig. Überraschend seien weniger kritische Stimmen gewesen als gut gemeinte Sätze aus dem Umfeld. Relativierungen und Trostformeln hätten oft mehr Distanz geschaffen als Nähe. „Manchmal“, sagt Spiekermann, „hilft es am meisten, einfach da zu sein“.
Ein leiser Gedanke zum Schluss
Was er anderen betroffenen Eltern mitgeben möchte, formuliert er zurückhaltend. „Es gibt keinen richtigen Weg und kein richtiges Tempo. Jeder Mensch geht anders mit Verlust um.“ Entscheidend sei, sich selbst in der eigenen Trauer ernst zu nehmen.
Sein Buch will genau das ermöglichen. Es will Worte anbieten, ohne sie aufzuzwingen. Es will einen Ort schaffen für etwas, das im Alltag oft keinen Platz findet. Still, offen und ohne Erwartung.
Das Buch „Ein Stern findet sein Zuhause“ ist im Buchhandel und online erhältlich.
ISBN 978-3-565-07180-7.




























