Für dieses Wochenende eine Glosse von Anke in Moll. Es geht um den Vortrag zum Holocaust-Gedenktag „Nur seine Geige ist geblieben“.
In Festtagskleidung posieren sie vor der Kamera. Sieben Musiker und Musikerinnen mit ihren Instrumenten. Unter ihnen – aufrecht in der Bildmitte stehend mit seiner Geige fest im Arm – der Chef des kleinen Orchesters: Itzchak Orloff. „Dieses Foto entstand 1928 in Monaco, als Werbung für einen Auftritt von Orloffs Band“, erklärt Roman Salyutov die historische Fotografie, die er bei seinem Dorstener Vortrag anlässlich des Holocaust-Gedenktages per Beamer auf die große Leinwand des VHS-Forums projiziert hatte.
Lola überlebte. Und mit ihr die Geige
Und dann erzählt er die Geschichte von dem russisch-jüdischen Musiker, der 1884 nahe St. Petersburg zur Welt kam, wegen Verfolgung und Perspektivlosigkeit aus seiner Heimat emigrierte und in den 1940-er Jahren dann in Frankreich Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns wurde. Er hinterließ nichts außer seiner geliebten Geige, die er in letzter Minute vor seiner Deportation der befreundeten jüdischen Musikerin Lola Grün anvertraute. Lola überlebte. Und mit ihr die Geige.
Dirigent Roman Salyutov
Jahrzehnte später gelangte das kostbare Kleinod in die Hände des Konzertpianisten und Dirigenten Roman Salyutov, der – kann das Zufall sein? – 100 Jahre nach Orloff in derselben Stadt bei Petersburg das Licht der Welt erblickte. „Die Bedingung für den Erwerb war, dass ich die mehr als 250 Jahre alte Geige wieder zum Klingen bringe“, erzählt Salyutov.
Seitdem zieht er mit seinem Musiker-Kollegen Alexander Lifland durch die Lande, und sie erzählen die Geschichte in Text und Ton von Itzchak Orloff und seiner Geige. Eine Geschichte, die stellvertretend für viele jüdische Künstler- und Künstlerinnen steht, deren Leben und Werk durch den Holocaust jäh beendet wurde.
Viel Applaus für Alexander Lifland
Ein bewegender Abend. Ein informativer Abend. Viel Applaus für Alexander Lifland, der die Geige virtuos spielt und wunderbar „singen“ lässt. Und für den Pianisten Roman Salyutov, der anschaulich und mit Sachverstand den Bogen zu weiteren Komponisten jüdischer Herkunft im deutschsprachigen Musikraum des 19. und 20. Jahrhunderts schlägt: Mendelssohn-Bartholdy, Gustav Mahler, Maurice Ravel, Viktor Ullmann …
… und wieder müssen jüdische Menschen um ihr Leben fürchten
Am Ende höre ich eine Zuschauerin sagen: „Da schauen 1928 in Monaco junge, begabte jüdische Musiker und Musikerinnen, gut aufgelegt und elegant gekleidet, in die Kamera. Nur wenige haben den Holocaust überlebt. Und jetzt haben wir das Jahr 2024 und wieder müssen jüdische Menschen um ihr Leben fürchten. Ist das nicht traurig? – Es hat sich nichts geändert.“




























