Mit einer Gedenkfeier im Museumsgarten erinnerte das Jüdische Museum Westfalen zusammen mit vielen Bürgern an die Novemberpogrome gegen jüdische Menschen während der Nazidiktatur.
Auf der Straße bespuckt, aus ihren Häusern gezerrt, ihre Wohnungen in Brand gesteckt: Am 9. November 1938 fiel ein entfesselter Mob überall in Deutschland über seine jüdischen Mitbürger her. Mit Fackeln zogen aufgestachelte Dorstener zum jüdischen Gemeindehaus an der Wiesenstraße, rissen die Einrichtung heraus und schleppten wertvolle religiöse Gegenstände, Kleidung und Möbel auf den Marktplatz, wo sie alles unter Johlen verbrannten. SA-Leute in Wulfen trieben eine hilflose Frau, die Kleider halb vom Leib gerissen, unter Schlägen und Erniedrigungen aus dem Ort.
Als am Morgen nach der Nacht, in der Nachbarn zu Tätern wurden, das zersplitterte Glas in ganz Deutschland auf den Bürgersteigen schimmerte, entstand der höhnische Begriff von der „Reichskristallnacht“. Heute spricht man meist von der Reichspogromnacht oder den Novemberpogromen. Am Abend des 9. November gedachte man auch in Dorsten den Opfern. Dazu gab es eine Gedenkstunde im Garten des Jüdischen Museums.

Schreckliche Erinnerungen mahnen die Lebenden
Dr. Kathrin Pieren, Leiterin des Jüdischen Museums Westfalen, las aus den Erinnerungen von Günter Katzenstein. Dieser hatte 1966 einen Brief an einen Jugendfreund in Düsseldorf gerichtet. Das Schriftstück ist heute Teil der Sammlung im Jüdischen Museum.
Unendliches Unrecht und Leid
Katzenstein hatte in und nach der Pogromnacht Schreckliches durchgemacht. Ein aufgebrachter Mob erniedrigte und verprügelte Günter und seine Familie. Die Eindringlinge verwüsteten die Wohnung und machten sie nahezu unbewohnbar. Während die Täter unbestraft blieben, warf man die Katzensteins aus der Wohnung und deportierte sie. Die Mutter ließ man verhungern, den Vater nach langer Qual erschießen. Auch Katzensteins Verlobte ermordeten die Nazis.
Nur mit knapper Not überlebte Günter Katzenstein insgesamt 14 verschiedene Lager. Er wog noch 34 Kilo, als er bei Kriegsende im KZ Bergen-Belsen die Befreiung erlebte. Von einer 35.000 Menschen großen Gruppe, die nach der Pogromnacht gemeinsam erfasst und auf den Leidensweg geschickt wurde, lebten neben Katzenstein am Ende nur noch sieben.
„Ich bin nicht mehr der Günter von 1935“
Von Schweden aus schrieb der Überlebende Katzenstein dann 1966 seinen Brief an seinen Freund Karl. Er war die Antwort auf einen Brief, den Karl nach langer Suche an den wiedergefundenen Günter gerichtet hatte. Darin steht: „Karli, ich bin nicht mehr der Günter von 1935 und ich hoffe, dass Du dieses verstehen kannst.“ Er freue sich, von seinem alten Freund zu hören. „Nur eines möchte ich Dich bitten mir nicht zu schreiben und das ist: Wir konnten nichts machen oder wir haben nichts davon gewusst.“
„Das Vergangene darf niemals vergessen werden“
Das war auch die Mahnung, die Dr. Kathrin Pieren an die Zuhörer am Jüdischen Museum richtete. „Gleichzeitig möchte ich Sie ebenfalls mit Günter Katzenstein einladen dafür zu sorgen, dass das Vergangene niemals vergessen werden darf, denn dies ist man den Toten schuldig“, betonte sie.




























