Als im August 2021 am Flughafen Kabul Tausende Menschen verzweifelt auf einen Platz in einer Evakuierungsmaschine hofften, mussten deutsche Soldaten in kürzester Zeit Entscheidungen treffen, die über Leben, Sicherheit und Zukunft entschieden. Einer von ihnen war Marc Hinzmann. Der ehemalige Dorstener, frühere Bundeswehr Offizier und Autor, las am Donnerstagabend, 7. Mai 2026, im Forum der VHS Dorsten aus seinem Buch „Leben und sterben lassen. Die letzten Tage der Bundeswehr in Afghanistan“.
Rund 80 Besucher kamen zu der Lesung. Unter ihnen waren zahlreiche Reservisten, aber auch Bürgermeister Tobias Stockhoff und der stellvertretende Bürgermeister Jan Heppner. Ihre Anwesenheit unterstrich die politische und gesellschaftliche Bedeutung des Abends. Gerade in einer Zeit, in der erneut über Wehrpflicht, Verteidigungsfähigkeit und die Aufrüstung der Bundesrepublik diskutiert wird, gewann die Lesung zusätzliche Aktualität.

Verantwortung am Nordtor von Kabul
Hinzmann war während der Evakuierungsmission als Feldjäger am Flughafen Kabul eingesetzt. Gemeinsam mit seiner Einheit stand er am Nordtor des Flughafens vor einer kaum lösbaren Aufgabe. Unter chaotischen Bedingungen, enormem Zeitdruck und ständiger Bedrohung mussten Entscheidungen getroffen werden, für die es keine einfachen Antworten gab.

In seiner Lesung schilderte Hinzmann die dramatischen Tage nicht aus der Distanz, sondern aus der unmittelbaren Perspektive eines Soldaten vor Ort. Es ging um militärische Abläufe, aber vor allem um Verantwortung, moralische Konflikte und die Frage, wie Menschen in Ausnahmesituationen handeln, wenn jede Entscheidung Folgen hat.
Sein Buch, das es auf die Spiegel Bestsellerliste geschafft hat, ist damit mehr als ein Einsatzbericht. Es ist ein persönliches Zeugnis aus einem Moment, der sich tief in das sicherheitspolitische Gedächtnis Deutschlands eingebrannt hat.
„Dieses Buch hätte jeder meiner Kameraden schreiben können“
Besonders eindringlich wurde der Abend, als Hinzmann über die Bedeutung seiner Kameraden sprach. Er machte deutlich, dass sein Buch zwar seinen Namen trage, die Erfahrungen aber niemals nur seine eigenen seien.

„Dieses Buch ist nicht allein meine Geschichte. Jeder meiner Kameraden hätte es schreiben können. Ohne sie, ohne ihren Mut, ihre Haltung und ihren Zusammenhalt, wäre keiner von uns durch diese Tage gekommen“.
Mit diesen Worten rückte Hinzmann jene Männer und Frauen in den Mittelpunkt, die während der Evakuierungsmission vor Ort Verantwortung übernehmen mussten. Gerade diese Haltung verlieh der Lesung eine besondere Tiefe. Nicht Selbstdarstellung stand im Vordergrund, sondern die Erinnerung an einen gemeinsamen Einsatz unter extremen Bedingungen.
Rückkehr in die alte Heimat
Für Marc Hinzmann war der Abend in Dorsten auch persönlich bedeutsam. Viele Freunde, Bekannte und Teile seiner Familie waren unter den Zuhörern. Die Lesung wurde dadurch nicht nur zu einer öffentlichen Veranstaltung, sondern auch zu einer Rückkehr in seine frühere Heimatstadt.

Dass ein ehemaliger Dorstener von einem der dramatischsten Bundeswehreinsätze der vergangenen Jahrzehnte berichtete, verlieh der Veranstaltung eine besondere lokale Dimension. Das Publikum erlebte keinen abstrakten Vortrag über Afghanistan, sondern eine Begegnung mit einem Menschen, der selbst Teil dieser Geschichte war.
VHS setzte die Lesung von Marc Hinzmann kurzfristig um
VHS Leiter Carsten Feldhoff hob hervor, dass die Veranstaltung erst vergleichsweise kurzfristig geplant und realisiert wurde. Die Idee sei im März entstanden und bereits im Mai umgesetzt worden.

„Wir haben diese Lesung sehr kurzfristig geplant und auf den Weg gebracht. Umso mehr freut es mich, dass so viele Menschen gekommen sind. Der Abend zeigt, wie groß das Bedürfnis ist, hinter die Schlagzeilen zu blicken und die Ereignisse von Kabul aus erster Hand einzuordnen.“
Feldhoff betonte damit den besonderen Wert der Veranstaltung. Die Lesung bot nicht nur einen Rückblick auf die letzten Tage der Bundeswehr in Afghanistan, sondern auch einen Raum für Fragen, Gespräche und persönliche Einordnung.
Zwischen Erinnerung und Gegenwart
Im Anschluss an die Lesung stand Marc Hinzmann dem Publikum für Fragen zur Verfügung. Dabei wurde deutlich, dass die Ereignisse von Kabul bis heute nachwirken. Der Abzug aus Afghanistan, die Evakuierungsmission und die politischen Folgen beschäftigen weiterhin Soldaten, Reservisten, Angehörige und eine Gesellschaft, die neu über Sicherheit und Verantwortung diskutiert.

Der Abend in der VHS Dorsten zeigte, wie nah Weltpolitik manchmal an die eigene Stadt heranrückt. Marc Hinzmann erzählte von Kabul, doch zugleich ging es um Fragen, die auch heute in Deutschland wieder an Dringlichkeit gewinnen: Was bedeutet Dienst für ein Land? Welche Verantwortung trägt Politik gegenüber Soldatinnen und Soldaten? Und wie geht eine Gesellschaft mit jenen um, die in ihrem Auftrag in Einsätze geschickt werden?
Die Lesung machte deutlich: Die letzten Tage der Bundeswehr in Afghanistan sind längst nicht nur Vergangenheit. Sie bleiben Teil einer Debatte, die gerade erst neu begonnen hat.




























