So groß und vor allem so automatisiert und digitalisiert habe ich mir die Kläranlage in Holsterhausen nicht vorgestellt. Klärmeister Christian Wolf erklärt mir zunächst theoretisch und sehr verständlich die einzelnen Stufen der Reinigung, die ich an den einzelnen Punkten auf dem Auftaktfoto verfolgen konnte.
Der Lippeverband feierte letzten Monat sein hundertjähriges Bestehen. Zu seinem bekanntesten Projekt in den vergangenen Jahren gehörte der Lippe-Polder-Park. Neben zwei Kläranlagen in Holsterhausen und Wulfen, die unser Abwasser reinigen, betreibt der Verband mehr als ein Dutzend Pumpwerke, mit denen die vom Bergbau beeinträchtigten Poldergebiete künstlich entwässert werden.
Die leistungsstärkste Anlage hierbei ist das Pumpwerk Dorsten-Hammbach. Es kann pro Sekunde maximal 17.000 Liter heben und entwässert eine Fläche von 14.800 Hektar. Deichschutz-, Sanierungs- und Renaturierungsmaßnahmen, etwa am Rapphofs-Mühlenbach, gehören ebenso zum Aufgabenfeld des Lippeverbands wie der Betrieb umfangreicher Kanal- und Pumpennetze.
Die Dorstener Wasserfälle fördern übrigens das Wasser des alten Hammbachs in den neuen Flussverlauf. Das gereinigte Wasser aus dem Klärwerk wird dagegen unter der nahegelegenen Brücke eingeleitet. Aber dazu später mehr.

Rundgang mit dem Klärmeister
Der Klärmeister zeigt mir bei unserem Rundgang über das Werksgelände die einzelnen Schritte der vorher besprochenen Reinigung. Die mechanische Reinigung geschieht durch zwei Rechen mit kleiner werdenden Maschenweiten. Hier wird alles aufgefangen, was eine bestimmte Größe besitzt, also das, was absichtlich oder unbeabsichtigt in Toiletten geworfen wird: Gebisse oder aber auch Äste und Steine aus Regenwasserrohren. Dieses Material wird zur Geruchsvermeidung gewaschen, gepresst und in Containern zur Verbrennung gesammelt. Das Spülwasser fließt zurück in den Reinigungsprozess.
In der zweiten mechanischen Stufe werden Sand und kleinere Steine aufgefangen, gewaschen und oft im Landschaftsbau weiterverwendet. In der Kläranlage Dorsten-Holsterhausen wurden im Jahr 2024 insgesamt 10.332.351 Kubikmeter Abwasser für 137.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen) gereinigt. Im Durchschnitt flossen der Kläranlage im Jahr 2023 rund 265 Liter Abwasser pro Sekunde zu. In der Kläranlage Dorsten-Wulfen waren es bei 30.000 Einwohnerwerten 3.861.090 Kubikmeter. Hier flossen im genannten Zeitraum im Durchschnitt der Kläranlage rund 100 Liter Abwasser pro Sekunde zu.
Das so von sichtbaren Fremdkörpern entfernte Wasser wird anschließend in großen Becken für bis zu sechs Stunden beruhigt, sodass sich der Primärschlamm am Boden absetzen kann. „Täglich fallen in Holsterhausen etwa 75 Tonnen dieses Schlamms an, der später zur Biogasproduktion genutzt wird“, erzählt mir Christian Wolf. Woraus diese organische Masse besteht, das können Sie sich sicher denken, dazu muss ich jetzt nicht ins Detail gehen.
Die ideale „Pommestüte“
Wir sind beim biologischen Reaktor, dem Herz der Anlage, angelangt. Hier kommt im „puren“ Abwasser nun die „Pommestüten-Metapher“ zum Einsatz. Damit erklärt der Klärmeister anschaulich das ideale Nährstoffverhältnis für die Mikroorganismen, die das Wasser biologisch reinigen. „Wir essen gerne Pommes rot-weiß im Verhältnis 100/5/1. So schmecken sie uns am besten und dieses Verhältnis mögen auch die Bakterien im Reaktor. Haben wir zu viel Mayonnaise (Phosphor) beziehungsweise Ketchup (Stickstoff) oder gar zu wenig Pommes, sprich Kohlenstoff, in unserer Tüte, dann essen wir sie möglicherweise nicht leer.“

Reiner als das Lippe-Wasser
Auch seine nachfolgenden Erklärungen sind sehr verständlich und einprägsam. „Im Vergleich dazu reagieren die Mikroben, indem sie ihre Arbeit nicht gut ausführen. Um sie wieder zu motivieren, regulieren wir mit Essigsäure oder Eisensalzen nach. Haben die Bakterien ihre Arbeit gut erfüllt, dann ist das Resultat am Ende biologisch reiner als das Lippewasser selbst. Proben des eigeleiteten Wassers werden sowohl vom NRW-Umweltministerium als auch vom hauseigenen Labor ständig überprüft.“
Der 54-Jährige fährt fort: „Während wir das gereinigte Wasser bereits 24 Stunden nach der Toilettenspülung in die Lippe leiten, dauert die Gasproduktion aus der verbliebenen Biomasse dagegen etwa 14 Tage. Bei 37 Grad Celsius entsteht in den Faulbehältern aus den 160 m³ Schlamm und Biomasse schließlich Methan, mit dem wir unsere Motoren antreiben. Übrig bleibt ein torf- und joghurtartiger Rest, der in Zentrifugen erneut entwässert und in der hauseigenen Verbrennungsanlage in Bottrop thermisch verwertet wird.“
Ich konnte mich selbst davon überzeugen, dass dieses Material nicht unangenehm, sondern eher nach Wald riecht. Ich war zudem überrascht, dass das Abwasser in nur wenigen Schritten umweltfreundlich gereinigt und die enthaltenen Stoffe wiederverwendet werden. „Unser Zielgedanke für 2028 ist es, Energiespeicher aus regenerativen Energien zu betreiben, um autark zu werden“, nennt der Klärmeister die Pläne für die Zukunft.
Veranstaltungs-Tipp: Tag der offenen Tür an der Kläranlage
Am 26. April wird es anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Lippeverbandes von 11 bis 16 Uhr einen „Tag der offenen Tür“ auf der Kläranlage Holsterhausen, Baldurstraße 79, geben.
Aus der Lokallust Dorsten
Dieser Beitrag gehört zu den Lokallust-Inhalten auf Dorsten-Online.












































