Wenn am späten Nachmittag die Plätze in Wulfen langsam ruhiger werden, beginnt für Liana Martel oft erst der ernsthafte Teil des Tages. Die Schultasche ist kaum abgestellt, da liegt der Schläger schon wieder in der Hand. Ein paar Sprünge, ein kurzer Blick übers Netz, dann fliegt der erste Ball. Liana ist zwölf Jahre alt, stammt aus Schermbeck und gilt bei den Tennisfreunden Wulfen als das Gesicht einer Generation, die nicht nur spielt, sondern verfolgt, was sie will.
Fünf bis sechs Mal pro Woche trainiert sie nach der Schule in Wulfen. Ein Rhythmus, der für viele Erwachsene anspruchsvoll wäre, für eine Sechstklässlerin erst recht. Und doch wirkt Liana nicht wie jemand, der sich zum Sport zwingt. Eher wie jemand, der ihn sucht. „Eigentlich macht alles Spaß“, sagt Liana und zählt auf, als wäre es das Natürlichste der Welt: „Aufschläge, schnelle Ballwechsel.“ Man merkt ihr diese Freude an, nicht als Show, sondern als Antrieb. Und vielleicht ist genau das ihr Geheimnis: Leichtigkeit im Ausdruck, Ernsthaftigkeit im Ziel.

Ein Ziel, das größer ist als das Alter
Dieses Ziel formuliert sie ohne lang zu überlegen. „Mein Ziel ist, Nummer eins zu werden.“ Dann kommt ein zweiter Satz, der wie ein kurzer Realitätscheck klingt und zugleich wie ein Versprechen: Es sei ein großes Ziel, sagt Liana, aber sie sei motiviert. In ihrer Stimme liegt nicht Überheblichkeit, sondern diese kindliche Unerschrockenheit, die im Leistungssport selten lange unbeschädigt bleibt. Noch ist sie da.
Trainerteam On_Line: Technik, Tempo, Mentalität
Begonnen hat alles früh. Seit sie acht Jahre alt ist wird Liana von Igor Khoroshilov trainiert, heute Teil des Trainerteams der Tennisschule On_Line. Vier Jahre später sprechen die Zahlen und Stationen für eine Entwicklung, die im Jugendtennis schnell Aufmerksamkeit erzeugt. Khoroshilov beschreibt ihre Fortschritte als steil. „In den vier Jahren hat sie eine enorme Lernkurve gehabt und wurde immer besser“, sagt er. Und er fügt einen Satz hinzu, der mehr über Mentalität als über Technik verrät: „Ich habe bei ihr noch keinen Tag erlebt, an dem sie nicht motiviert war.“

Zur Arbeit an der Basis gehören bei Liana nicht nur Schläge und Taktik. Fitness und Ausdauertraining absolviert sie bei Anna Sashkina, ebenfalls von der Tennisschule On_Line. Es ist die zweite Säule in einem Plan, der auf Dauer angelegt ist. Wer in diesem Alter Woche für Woche so viel trainiert, braucht nicht nur Talent, sondern Struktur. Und Menschen, die das Talent nicht romantisieren, sondern formen.

Vom Schnuppern zur Auswahl: Die frühe Spur nach oben von Liana
Lianas Weg wirkt dennoch nicht wie ein Produkt, sondern wie eine Geschichte, die im Lokalen beginnt. KiTa, Schnupperstunde im Ort, erste Turniere. Aus kleinen Schritten entsteht Ehrgeiz, aus Ehrgeiz entsteht der Wunsch, sich zu messen. In der 10s Tennisserie und bei Endrunden Spielen des Westfälischen Tennisverbandes machte sie früh auf sich aufmerksam. Es folgten Einladungen zu Lehrgängen nach Kamen, dem Stützpunkt des Verbandes, später die Normierung zum DTB Talentcup. Dort durfte Liana erstmals für die Westfalenauswahl spielen, ein Moment, der vielen Talenten zeigt, dass ihr Sport plötzlich größer wird als der eigene Verein.

Titel, Teams, Trophäen: Erfolge, die sich wiederholen
Danach kamen Turniere, die wie ein Name auf einer Landkarte wirken, aber in Wahrheit harte Wochenenden bedeuten: starke nationale Felder, Meisterschaften, Mannschaftswettbewerbe. Siege bei den Westdeutschen Mannschaftsmeisterschaften mit dem Verband, Titel bei Westfälischen Meisterschaften, Nordostdeutschen Meisterschaften und den Nordrhein Westfalen Meisterschaften. Dazu der Sieg in der Westfalenliga mit der Mannschaft U12. Es ist eine Liste, die für Außenstehende beeindruckend klingt, für Insider vor allem eines sagt: Sie kann mit Druck umgehen und sie liefert wiederholt ab.
Deutschland gegen Kanada: Der Moment, der bleibt
Auch überregional blieb das nicht unbemerkt. Liana wurde vom Deutschen Tennis Bund eingeladen und anschließend für einen Ländervergleich nominiert. Dort vertrat sie Deutschland gegen Kanada. Kein PR Termin, sondern eine Erfahrung, an der sich junge Karrieren oft entscheiden: Wie fühlt sich Tennis an, wenn der eigene Name plötzlich für ein Land steht. Liana spricht darüber nicht pathetisch, eher sachlich. Wichtig sei es gewesen, sagt sie, Erfahrungen zu sammeln.

Tennis Europe und Den Haag: Lernen auf internationalem Boden
Weil der nächste Schritt längst klar ist, erweitert sie ihren Radius. Internationale Turniere gehören inzwischen zu ihrem Plan, Tennis Europe Turniere, Gegnerinnen aus verschiedenen Ländern. In den Niederlanden, in Den Haag, gewann sie bei zwei internationalen Starts insgesamt fünf Matches. Solche Siege sind im Nachwuchs mehr als Zahlen, sie sind Beweise: dass Leistung auch außerhalb der vertrauten Umgebung funktioniert.

Aktuell steht Liana in der deutschen Rangliste U12 auf Platz acht ihres Jahrgangs 2014. Für eine Zwölfjährige ist das Auszeichnung und Belastung zugleich. Sie selbst weiß, dass eine Top Ten Platzierung nicht einfach zu halten ist. Der Weg nach oben ist nicht linear, eher eine Treppe mit Stufen, die manchmal fehlen.
Unzufrieden, um besser zu werden
Genau deshalb wirkt ein Satz von ihr so zentral: „Ich bin immer unzufrieden, um besser zu werden.“ Khoroshilov nickt bei dieser Haltung, denn sie passt zum Sport. Genau dieses Zielbewusstsein, sagt er, brauche es, um im Tennis weiter nach vorne zu kommen.
Der Verein als Rückenwind
Im Verein ist Liana längst mehr als ein Talent unter vielen. Ingmar Koischwitz, erster Jugendwart der Tennisfreunde Wulfen, sagt: „Wir sind stolz, Liana in unserem Verein in Wulfen zu haben.“ Und er verweist zugleich auf das Umfeld, das hier entsteht. Igor Khoroshilov ist staatlich geprüfter Tennistrainer und übernahm den Cheftrainerposten bei den Tennisfreunden Wulfen. Für die Sportlergala des SSV habe er drei Nominierungen platziert: Liana für ihre Erfolge, die U12 Mannschaft für den Westfalenliga Sieg 2025 und Igor als Trainer des Jahres, auch mit Blick auf sportliche Erfolge im Verein und seine Arbeit im professionellen Umfeld.
Schule, Eltern, Alltag: Der Traum braucht Ordnung

Bei Liana kommt noch etwas hinzu: Schule. Sie ist Sechstklässlerin am St Ursula Gymnasium und will sie nicht vernachlässigen. Oft lernt sie bis spät in den Abend, damit am nächsten Morgen alles vorbereitet ist. Anders geht es nicht, wenn der große Traum nicht nur ein Satz bleiben soll.
Und dann sind da die Eltern, die diesen Weg mittragen. Sie unterstützen sie voll und ganz, sagt Liana, und sind stolz, wenn sie auf dem Platz steht. Es ist ein Satz, der schlicht klingt, aber viel bedeutet, weil im Nachwuchsleistungssport kaum etwas ohne Familie funktioniert.
Ziele 2026: Titel, Europa, nächste Stufe
Für 2026 hat Liana zwei klare Ziele formuliert: die Deutsche Meisterschaft gewinnen und ein Tennis Europe Turnier gewinnen. Ziele, die groß klingen, aber zu ihr passen, weil sie sie nicht als Fantasie erzählt, sondern als Arbeitsauftrag. Vielleicht ist das der Kern ihres Porträts: ein Mädchen, das Freude am Spiel zeigt und zugleich die Strenge besitzt, sich nicht zufrieden zu geben. Auf dem Platz wirkt sie lebendig, fast leicht. In ihrem Kopf arbeitet bereits die nächste Stufe.









































